Definitionsvielfalt

Für Inter- und Transdisziplinarität gibt es derzeit eine Vielzahl anerkannter Definitionen [1, 2]. Diese Definitionsvielfalt macht die Thematik vieldeutig und schwierig zu fassen. Zudem sind die Grenzen zwischen Inter- und Transdisziplinarität oft fliessend, beispielsweise wenn die transdisziplinäre Forschung sich gegenüber der interdisziplinären durch eine stärkere Integration von Wissensbeständen auszeichnet [3-5]. Im Folgenden diskutieren wir deshalb Inter- und Transdisziplinarität gemeinsam.

Eine umfassende Definition für inter- und transdisziplinäre Forschung schlagen die US amerikanischen Akademien der Wissenschaften vor. Interdisziplinäre Forschung benennt hier einen Oberbegriff, welcher die transdisziplinäre Forschung als Teilmenge einschliesst.

«Interdisciplinary research (IDR) is a mode of research by teams or individuals that integrates information, data, techniques, tools, perspectives, concepts, and/or theories from two or more disciplines or bodies of specialized knowledge to advance fundamental understanding or to solve problems whose solutions are beyond the scope of a single discipline or area of research practice.» [6, p188].

Aus der Definition geht hervor, dass es bei dieser Forschungsart nicht allein um die Integration disziplinären wissenschaftlichen Wissens, sondern von Spezial- und Fachwissen (bodies of specialized knowledge) allgemein geht. Die Definition macht zudem deutlich, dass mit der Integration von Wissen verschiedene Absichten bzw. Zwecke verfolgt werden können, nämlich das grundlegende Verstehen eines Phänomens oder das Lösen eines Problems.

Grundsätzlich kennzeichnend für inter- und transdisziplinäre Forschung – unabhängig von der konkreten Ausformulierung einer Definition – sind drei Merkmale [2, 7, 8] :

– sie ist ein Mittel für einen festgelegten Zweck (mehr dazu);
– sie basiert auf gesicherter Expertise unterschiedlicher Expert/innen resp. Disziplinen;
sie ist integrativ, bzw. integriert die Expertisen bezogen auf den bestimmten Zweck.

Vor diesem Hintergrund kann die Definitionsvielfalt so verstanden werden, dass Forschende unterschiedliche Absichten (Zwecke) verfolgen, wenn sie inter- und transdisziplinär forschen, bzw. diese Forschung definieren.

Wenn verschiedene Definitionen der Inter- und Transdisziplinarität unterschiedlichen Absichten dienen, so löst sich das Paradox – wie können unterschiedliche Definitionen zugleich wahr sein? – auf. Es besteht nämlich nur unter der Voraussetzung, dass es eine generelle und für jeden Kontext zutreffende Definition der inter- und transdisziplinären Forschung gibt. Greifen Definitionen aber jeweils nur diejenigen Aspekte der Inter- und Transdisziplinarität heraus, die für den spezifischen Kontext und verfolgten Zweck im Vordergrund stehen – machen also eine zweckgerichtete Komplexitätsreduktion der umfassenden Idee der Inter- und Transdisziplinarität – dann tritt anstelle des Paradoxes die Frage, in wie fern die Definition der spezifischen Problemstellung angemessen und zielführend ist. Die Vielzahl der Definitionen ermöglicht es die zweckdienlichste unter ihnen für den spezifischen Projektkontext zu finden.
 

Literatur

  1. Klein, J.T., A taxonomy of interdisciplinarity, in The Oxford Handbook of Interdisciplinarity, R. Frodeman, J. Thompson Klein, and C. Mitcham, Editors. 2010, Oxford University Press: Oxford. p. 15-30.
  2. Pohl, C. and G. Hirsch Hadorn, Gestaltungsprinzipien für die transdisziplinäre Forschung - Ein Beitrag des td-net. 2006, München: oekom.
  3. Rosenfield, P.L., The Potential of Transdisciplinary Research for Sustaining and Extending Linkages between the Health and Social-Sciences. Social Science & Medicine, 1992. 35(11): p. 1343-1357.
  4. Perrig-Chiello, P. and F. Darbellay, Inter- et transdisciplinarité: concepts et methods, in Qu'est-ce que l'interdisciplinarité? Les nouveaux défis de l'enseignement, P. Perrig-Chiello and F. Darbellay, Editors. 2002, Éditions Réalités Sociales: Lausanne. p. 13-34.
  5. Stokols, D., et al., Evaluating transdisciplinary science. Nicotine Tob Res, 2003. 5(Suppl 1): p. 21-39.
  6. NAS/NAE/IOM, Facilitating Interdisciplinary Research. 2005, Washington: National Academy of Sciences, National Academy of Engineering, Institute of Medicine, The National Academies Press 306.
  7. Jantsch, E., Inter-Disciplinary and Transdisciplinary University - Systems Approach to Education and Innovation. Policy Sciences, 1970. 1(4): p. 403-428.
  8. Boix Mansilla, V., Assessing expert interdisciplinary work at the frontier: an empirical exploration. Research Evaluation, 2006. 15(1): p. 17-29.
 
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