Zweck: Problemlösen

Koproduktion von Wissen | Drei Wissensarten

«Die Welt hat Probleme, die Universitäten haben Departemente» [1, p29]. Dieser kurze Satz bringt die Idee der Transdisziplinarität als Beitrag zur Lösung komplexer gesellschaftlicher Probleme (mehr darüber | Abb. Forschungszwecke (pdf)) auf den Punkt: Wissen wird an Universitäten nach disziplinären Strukturen und Prioritäten erarbeitet und beurteilt. Soll es auf gesellschaftliche Fragen bezogen werden – wie der Umgang mit neuen Technologien, Migration, Gesundheit, Armut, Gleichberechtigung oder nachhaltige Entwicklung – so muss es neu geordnet und gewichtet werden. Generelles und abstraktes disziplinäres Wissen muss mit lokalem, kontextbezogenem Wissen gesellschaftlicher Akteure ergänzt und in Beziehung gesetzt werden.

Seit langem machen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Gedanken darüber, wie die Schranken disziplinärer Wissenschaft überwunden werden können, um aktuelle Fragestellungen der Gesellschaft aufzunehmen und zu beantworten [vgl. z.B. 2, 3]. Im Rahmen der Erarbeitung der Gestaltungsprinzipien für die transdisziplinäre Forschung hat das td-net bestehende Definitionen transdisziplinärer Forschung und verwandter Forschungsansätze, die der Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Probleme dienen, analysiert und im Sinne einer Synthese folgende Definition vorgeschlagen [vgl. 4, pp67-92]:

«Ist das Wissen über ein gesellschaftlich relevantes Problemfeld unsicher, ist umstritten, worin die Probleme konkret bestehen, und steht für die darin Involvierten viel auf dem Spiel, so sind die Voraussetzungen für transdisziplinäre Forschung gegeben» [4, p16].

«Der Ausgangspunkt der transdisziplinären Forschung ist ein gesellschaftlich relevantes Problemfeld. Darin identifiziert, strukturiert, analysiert und bearbeitet die transdisziplinäre Forschung bestimmte Probleme derart, dass sie
a) die Komplexität der Probleme erfasst,
b) die Diversität von gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Sichtweisen der Probleme berücksichtigt,
c) abstrahierende Wissenschaft und fallspezifische Relevanz des Wissens verbindet und
d) Wissen zu einer am Gemeinwohl orientierten praktischen Lösung der Probleme erarbeitet.
Das partizipative Forschen und die Zusammenarbeit von Disziplinen sind Mittel, um die Anforderungen a) bis d) im Forschungsprozess einzulösen» [4, p26].


Transdisziplinäre Forschung als Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme ist hiernach kein Selbstzweck, sondern ein Weg, akademische Forschung näher an die gesellschaftliche Realität zu binden.
Damit ist die transdisziplinäre Forschung sowohl komplementär zur Grundlagenforschung als auch zur interessengebundenen angewandten Forschung. Sie ist wie diese beiden auf die Bearbeitung bestimmter Fragestellungen ausgerichtet [vgl. 5].

Es ist zu beachten, dass diese Definition im Zusammenhang mit der Entwicklung der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung entstanden und von dieser beeinflusst ist.


Erläuterung der Definition des td-net

Unsere Definition der transdisziplinären Forschung basiert auf der Analyse bestehender Definitionen transdisziplinärer Forschung und verwandter Forschungsansätze [4, pp68-92]. Insbesondere stützen wir uns auf folgende Quellen ab:
  • Der Ausgangspunkte transdisziplinärer Forschung, welcher durch Unsicherheit und starke Betroffenheit der Beteiligten geprägt sind, geht auf Funtowicz’ und Ravetz’ Beschreibung der «post-normal science» zurück [6].
  • Dass ein transdisziplinärer Ansatz einen adäquaten Umgang mit der Komplexität des Problems finden muss, geht auf Erich Jantschs systemtheoretisches Verständnis der Transdisziplinarität zurück [7].
  • Dass die Vielfalt von gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Sichtweisen in das Forschungsprojekt einzubeziehen ist, nimmt den Aufruf zu partizipativer Forschung (Einbezug ausserwissenschaftlicher Akteure, bzw. Stakeholder) einerseits [Pfeil8, 9] und zur Zusammenarbeit von Disziplinen andererseits [10, 11] auf.
  • Das Anliegen, abstrakte Wissenschaft und fallspezifische Relevanz zu verbinden, stammt aus der Interventions- und Aktionsforschung [12-16].
  • Die explizite Orientierung am Gemeinwohl findet sich in anderen Definitionen implizit, wie zum Beispiel im Anspruch, die Wissensproduktion an lebensweltlichen Problemstellungen – statt an innerwissenschaftlichen – zu orientieren [10]. Explizit wird die Orientierung am Gemeinwohl in der transdisziplinären Forschung selten festgehalten. Anders ist es im inhaltlich verwandten US-amerikanischen Feld der policy sciences, wo das Gemeinwohl als common interest eine explizite Orientierungsgrösse ist [17, 13]. Ebenso findet sich die explizite Orientierung am Gemeinwohl in der Technikfolgenabschätzung [18, p243].

Literaturverzeichnis
  1. Bozeman, B. and M. Crow, The Environments of United-States R-and-D Laboratories - Political and Market Influences. Policy Sciences, 1990. 23(1): p. 25-56.
  2. Winch, R.F., Heuristic and Empirical Typologies: A Job for Factor Analysis. American Sociological Review, 1947. 12(1): p. 68-75.
  3. Kash, D.E., Research and Development at the University. Science, 1968. 160(3834): p. 1313-1318.
  4. Pohl, C. and G. Hirsch Hadorn, Gestaltungsprinzipien für die transdisziplinäre Forschung - Ein Beitrag des td-net. 2006, München: oekom.
  5. Hirsch Hadorn, G., et al., Implications of Transdisciplinarity for Sustainability Research. Ecological Economics, 2006. 60: p. 119-128.
  6. Funtowicz, S.O. and J.R. Ravetz, Science for the Post-Normal Age. Futures, 1993. September: p. 739-755.
  7. Jantsch, E., Inter-Disciplinary and Transdisciplinary University - Systems Approach to Education and Innovation. Policy Sciences, 1970. 1(4): p. 403-428.
  8. Häberli, R. and W. Grossenbacher-Mansuy, Transdisziplinarität zwischen Förderung und Überforderung. Erkenntnisse aus dem SPP Umwelt. GAIA, 1998. 7(3): p. 196-213.
  9. Defila, R., A. Di Giulio, and M. Scheuermann, Forschungsverbundmanagement - Handbuch für die Gestaltung inter- und transdisziplinärer Projekte. 2006, Zürich: vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich. 348.
  10. Mittelstraß, J., Auf dem Weg zur Transdisziplinarität. GAIA, 1992. 1(5): p. 250.
  11. Costanza, R., A vision of the future of science: reintegrating the study of humans and the rest of nature. Futures, 2003. 35: p. 651-671.
  12. Argyris, C., Single-Loop and Double-Loop Models in Research on Decision Making. Administrative Science Quarterly, 1976. 21: p. 363-375.
  13. van den Daele, W. and W. Krohn, Experimental implementation as linking mechanism in the process of innovation. Research Policy, 1998. 27: p. 853-868.
  14. Hubert, B. and J. Bonnemaire, La construction des objets dans la recherche interdisciplinaire finalisée: de nouvelles exigences pour l'évaluation. Natures Sciences Sociétés, 2000. 8(3): p. 5-19.
  15. Groß, M., H. Hoffmann-Riem, and W. Krohn, Realexperimente: Ökologische Gestaltungsprozesse in der Wissensgesellschaft. 2005, Bielefeld: transcript Verlag. 234.
  16. Levin, M. and J.E. Ravn, Involved in praxis and analytical at a distance. Systemic Practice and Action Research, 2007. 20(1): p. 1-13.
  17. Clark, T.W., The Policy Process: A Practical Guide for Natural Resource Professionals. 2002, New Haven and London: Yale University Press. 215.
  18. Grunwald, A. and S. Saupe, Ethische Grenzen der Technik? Reflexion zum Verhältnis von Ethik und Praxis, in Ethik in der Technikgestaltung – Praktische Relevanz und Legitimation, A. Grunwald and S. Saupe, Editors. 1999, Springer: Berlin etc. p. 221-252.
 
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